„Ich bin nicht Freiburger – Ich bin Freiburgerin“

Kommentar: Warum f79-Autorin Johanna Reich gendern wichtig findet

Manche finden es unnötig, umständlich oder gar schwachsinnig. Andere bestehen darauf, dass eine Veränderung der Sprache essenziell für die Gleichberechtigung aller Geschlechter ist. So sieht das auch f79-Autorin Johanna Reich (23). Die Studentin findet: Gendern ist auch eine Frage des Respekts. Zunächst möchte ich eine kleine Geschichte aus der psychologischen Forschung erzählen: Ein Vater fährt mit seinem Sohn in einem Auto nach Hause. Kurz bevor sie ankommen, haben sie einen schweren Autounfall. Der Vater überlebt diesen nicht und stirbt noch an der Unfallstelle – der Sohn ist schwer verletzt und wird direkt in das nächste Krankenhaus gebracht. Dort arbeitet ein Chefchirurg, der Spezialist für Kopfverletzungen ist. Schnell wird alles vorbereitet für die OP – nur der Chefchirurg fehlt noch. Als dieser endlich reinkommt, wird er plötzlich ganz blass und sagt: „Das ist mein Sohn.“

Nun – etwas verwirrt? Na, bei dem Chirurgen handelt es sich um die Mutter des Kindes. In der deutschen Sprache gilt, dass die männliche Form, die wir generisches Maskulinum nennen, sowohl Frauen wie auch Männer mit einbezieht. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr Sprache unser Denken beeinflusst und wir bei dem Wort „Chefchirurg“ einen Mann vor unserem geistigen Auge haben. Wir lassen uns also unterbewusst von der Sprache beeinflussen, ob wir wollen oder nicht. Logischerweise grenzt das auch unser Denken ein – wir sehen die Möglichkeit, dass der Chefchirurg die Mutter ist, erst gar nicht. Sprache ist mächtig – sie bringt uns dazu, in Kategorien einzuteilen.

In Stereotypen zu denken. Sie beeinflusst unbewusst deine Entscheidungen. Mir selbst wurde klar, wie falsch sich das generische Maskulinum anhört, als mir vor Kurzem gesagt wurde: „Du bist doch Freiburger.“ Nein, ich bin Freiburgerin. Ich bin Studentin. Und später vielleicht einmal Autorin, Trainerin, Managerin … was auch immer. Für mich hat es auch mit dem Gefühl zu tun, als Frau respektiert zu werden. 

© pixabay.com / Chickenonline; privat: Johanna Reich

Das generische Maskulinum führt dazu, dass ich mich nicht ernst genommen und nicht mit einbezogen fühle. Schon in den 90er-Jahren wurde in diversen Studien gezeigt, wie wir gedanklich bei der männlichen Form Frauen ausschließen. Doch nicht nur Frauen – auch Personen, die sich nicht einem der beiden biologischen Geschlechter zuordnen, werden kategorisch ausgeschlossen. Sind unsichtbar.

Geschlechtsneutrale Wörter

Für viele Begriffe gibt es geschlechtsneutrale Begriffe:

Lesende, Studierende, Teilnehmende, Mitarbeitende

Nachteil: Es gibt nicht für jedes Wort eine neutrale Alternative. Zudem können diese Wörter unpersönlich wirken.

 

© pixabay.com / Chickenonline; privat

Unterstrich: Leser_innen
Sternchen: Leser*innen
Doppelpunkt: Leser:innen
Punkt: Leser·innen

Durch das Sternchen, den Unterstrich, den Doppelpunkt oder den Punkt werden auch Personen mit einbezogen, welche sich nicht den typischen Geschlechtern männlich oder weiblich zuordnen können.

Um zu verstehen, wie sehr die Sprache unser Denken beeinflusst, müssen wir erst mal verstehen, WIE wir denken. Unsere Welt ist hochkomplex. Zum Glück haben wir hierfür unser Gehirn, das von klein auf viele Schemata und Konstrukte bildet. Ein perfektes Beispiel ist die Erdbeere: „Eine Erdbeere zähle ich zu Obst – sie ist klein und rot – wenn ich reinbeiße, schmeckt es süß.“

Das ist ein Konstrukt, das wir als Kind lernen. Genauso machen wir das auch mit Berufen: „Ein Arzt ist ein erwachsener Mann mit einem weißen Kittel – zu ihm gehe ich, wenn ich krank bin.“ So kommt es jedoch, dass ich durch das Bild eines Mannes diesen Beruf als junges Mädchen erst einmal ausschließe. Wieso sollte ich mich als junges Mädchen auch mit dem Bild eines erwachsenen Mannes identifizieren, der den Beruf des Arztes ausübt? Ich höre als Kind, wie meine Eltern, Erzieher·innen, Lehrer·innen und Freund·innen über den Arzt, den Elektriker den Ingenieur reden.

Als Mädchen müsste ich da jedes Mal den Gedankensprung schaffen: Ja, die reden zwar von einer männlichen Person, aber da bin ich mitgemeint. Nur funktioniert so unser Gehirn in jungen Jahren nicht. Diese Denkleistung bringen wir nicht auf. Wie auch eine Studie 2015 zeigte, identifizieren sich junge Frauen nicht mit Berufen, die in der männlichen Form dargestellt werden. Wenn jedoch ein Beruf sowohl in der weiblichen als auch in der männlichen Form dargestellt wird (Ingenieur und Ingenieurinnen) –, denkt das Mädchen plötzlich daran, dass es diesen Beruf ja später mal wählen könnte.

Genauso ist es auch umgekehrt: Jungen trauen sich den Beruf des Kosmetikers dann zu, wenn er auch in der männlichen Form genannt wird. Diese Studie zeigt, wie viele weitere, dass die Sprache uns dazu bringt, in Rollenbildern zu denken. Sie grenzt die Möglichkeiten ein, die wir als Gesellschaft haben. Ich weiß nicht, inwieweit unsere maskuline Sprache bisher mein Leben beeinflusst hat – jedoch liegt es an UNS, für die folgenden Generationen dieses Kastendenken auszuhebeln. Veränderungen sind immer schwer. Jedoch hilft es, in sich zu hören und darüber nachzudenken, wie sehr ich mich mein Leben lang schon unterbewusst von einer einseitigen, ungerechten und ausgrenzenden Sprache beeinflussen lasse.

Es geht darum, offener zu werden und diese Veränderung für die nächsten Generationen voranzutreiben. Außerdem: So schwer ist es gar nicht. Es gibt viele Möglichkeiten, gendergerechte Sprache in den Alltag zu integrieren. Der erste Schritt ist jedoch: Die Wichtigkeit der gendergerechten Sprache zu sehen!

Für und Wider

Wie der Diskurs um geschlechtsgerechte Sprache immer extremer wird

Sprache ist im ständigen Wandel. Vor allem gendergerechte Sprache wird derzeit hitzig diskutiert. Eine aktuelle Studie zeigt: Zwei Drittel der Deutschen sind dagegen. Die Dudenredaktion hat dennoch erste Schritte zum Gendern gemacht – und dafür Hassnachrichten bekommen. Eine Sprachwissenschaftlerin der Uni Freiburg findet die Entwicklung in Deutschland kritisch.

 

© pixabay.com / Chickenonline; privat: Helga Kotthoff

Erst vor kurzem hat der Bildungsminister in Frankreich ein Verbot des Genderns an Schulen ausgesprochen. Das könnte auch in Deutschland passieren: Der Hamburger CDU-Chef Christoph Ploß spricht sich für ein Verbot der geschlechtsneutralen Sprache an staatlichen Stellen aus: „Von Beamten, Lehrkräften und Dozenten erwarte ich, dass sie im Dienst gültige Regeln und Normen nicht einfach willkürlich verändern.“ Die Gendersprache sei „grammatikalisch falsch, künstlich und ideologisch“. Dennoch veröffentlichen immer mehr Städte und Kommunen Leitfäden für den Gebrauch einer genderneutralen Sprache. So auch die Stadt Freiburg: „Seit dem 1.1.2018 gilt innerhalb der Stadtverwaltung Freiburg die Organisationsverfügung zur verbindlichen Anwendung der geschlechtergerechten Sprache und der Nutzung des Gender-Gaps (Unterstrich).“ Die einen verpflichten zur geschlechtsneutralen Sprache – die anderen plädieren für ein Verbot.

Helga Kotthoff, Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Freiburg, sieht diese Entwicklung als kritisch an. Sie selbst gendere seit 35 Jahren – jedoch situativ und nicht „nach dem Salzstreuer-Prinzip“. Sie erklärt: „Auch wenn ich mich um eine Sichtbarkeit nicht männlicher Menschen bemühe, muss klar bleiben, dass das nicht an jeder Stelle passieren muss.“ So mache es als Negativ-Beispiel auch der Deutschlandfunk. Dieser „gendert mehr oder weniger durchgängig – aber die gendern dann mit einer irren Penetranz“, so Kotthoff. Dies geschehe häufig auf Kosten der Textästhetik.

Auch Laura Neuhaus, Mitarbeiterin der Duden- Redaktion, hat tagtäglich mit dem Diskurs zu tun. Dem f79 erzählt sie, wie auch die Redaktion heftiger Kritik ausgesetzt ist. Seit vergangenem Jahr befinden sich im Rechtschreibduden zusätzlich drei Seiten zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch.

© pixabay.com / Chickenonline; privat: Laura Neuhaus

Daraufhin bekam die Redaktion Hassnachrichten und Fotos zugesendet, die den Rechtschreibduden im Mülleimer zeigen. Jedoch lasse sich die Redaktion hierdurch nicht beeinflussen: „Das alles hält uns aber nicht von unserm Auftrag ab, dass wir ohne eine politische-, sondern mit einer sprachwissenschaftlichen Agenda beschreiben, wie Sprache sich entwickelt“, betont Laura Neuhaus.  Es gehe vor allem darum, Orientierung zu geben. Bislang gibt es viele Arten zu gendern: das Gendersternchen, der Unterstrich oder das Binnen-I. Auch neue Wörter sollen das generische Maskulinum umgehen. So sprechen viele schon länger nicht mehr von „den Studenten“, sondern „den Studierenden“ – nicht mehr von „dem Lehrer“, sondern „der Lehrkraft“. Nach Laura Neuhaus sollte eine gendergerechte Sprache nicht als komplexer angesehen werden – sondern als Möglichkeit, sich klarer auszudrücken.

Sie ist überzeugt: Eine differenziertere Sprache kann Orientierung, Klarheit und Eindeutigkeit bringen. Doch was ist nun die Lösung? 

 

Laut Kotthoff sind wir in einer historischen Ausprobierphase. Ihr Ratschlag: „Wir sollten nicht mit einem laufenden generischen Maskulin schreiben, aber auch nicht wahllos alles durchgendern.“ Auch Neuhaus ist sicher, dass sich vieles erst ergeben wird. So sei das Gendersternchen nicht in Stein gemeißelt. Gerade die nächsten Generationen könnten hier weitere Möglichkeiten aufbringen. „Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass von jungen Leuten, die an eine gerechte, gleichberechtigte Zukunft denken, da auch noch neue kreative Ideen kommen, wie man eigentlich gerecht sprechen könnte”, sagt Neuhaus.

Text // Johanna Reich

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