Wer schön sein will, muss leiden, … sagt der Schmerz

„In dieser Nacht übertreibe ich es vielleicht etwas. Habe ich zu viel gegessen? Vielleicht breche ich auch zu viel auf einmal aus. Ich weiß es nicht. Jedenfalls bekomme ich das Erbrochene einfach nicht die Toilette herunter gespült. Ich spüle und spüle, aber es will nicht wegrutschen. Stattdessen sammelt sich immer mehr Wasser im Klo, das sich mit dem Erbrochenen zu einer ekligen Kotzbrockensuppe mischt.“ (Auszug aus dem Prolog „gegessen Wer schön sein will, muss leiden, sagt der Schmerz“) *

Die Autorin Sonja Vukovic hat als Journalistin bereits für die Tageszeitung „Die Welt“, das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sowie das Online-Portal „stern.de“ geschrieben. Sie wurde bereits mit dem „Grimme Online Award“ und dem „Axel-Springer-Preis für junge Journalisten“ ausgezeichnet. 2013 erschien ihr internationaler Bestseller „Christiane F. – Mein zweites Leben“. Nach dem Aufbau der F. Foundation für Suchtprävention und – aufklärung, arbeitet sie aktuell an weiteren Publikationen. Sonja Vukovic lebt in Berlin, ist inzwischen glücklich verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter.

Wie schaffte die heute 31-jährige Sonja es, nach 13 Jahren ihre Bulimie und Magersucht zu besiegen? Sonja Vukovic, Betroffene und Autorin, las am Abend des 8. Februar im Münchner Künstlerhaus, Passagen aus ihrer, im September 2016 erschienenen Autobiografie „gegessen Wer schön sein will, muss leiden, sagt der Schmerz…“ vor. „Sonja, vielleicht musst du das Buch jetzt schreiben, bevor die Erinnerungen an das, was dir geschehen ist, ganz verblassen“, legte ihr Ehemann ihr ans Herz. In ihrer Autobiografie offenbart Sonja auf knapp 290 Seiten den Lesern die ungeschminkte Wahrheit über ihre Essstörung, die ihr fast das Leben gekostet hat.

Dennoch war es keine klassische Vorlesung. Vor Ort waren noch Andreas Schnebel, Psychotherapeut und geschäftsführender Vorstand von ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen München, Dr. Maike Kohnert, Oberärztin in der Psychosomatitischen Klinik Dr. Schlemmer und Leiterin der Station für Essstörungen, sowie Dipl.-Soz.päd. Stephanie Maier, Mitarbeiterin von ANAD e.V. und Moderatorin der Veranstaltung. Aus drei unterschiedlichen Perspektiven wurden somit Erfahrungen aus der ambulanten und der stationären Therapie über das Zhema „Essstörungen“ geschildert. Unter den Zuhörern waren Betroffene, Fachleute, Angehörige und Interessierte anwesend.

„Geholfen haben mir die Menschen, die an mich geglaubt haben, als ich es selbst nicht konnte“, schildert Sonja „Sie haben mir aber auch ihre Grenzen ausgezeigt. Mein Mann hat mir immer klar gemacht, wann es ihm zu viel wurde, und ist so nicht in eine Co-Abhängigkeit geraten“. Es waren 13 harte Jahre die bergauf und bergab gingen, aber ihr starker Wille hat ihr geholfen, wieder gesund zu werden.

Das ist ein schwieriger Punkt, der von Betroffenen und Angehörigen viel Empathie verlangt. Sucht ist eine Krankheit und keine Entscheidung.

Die Auslöser einer Essstörung können sehr unterschiedliche Ursachen haben. So können biologische, individuelle familiäre und gesellschaftliche Faktoren als Auslöser für ein gestörtes Essverhalten möglich sein. „Das Einzige, was allen Betroffenen gemein ist: Sie haben ein geringes Selbstwergefühl“, schildert Maike Kohnert. Schaut man sich das perfekte Model auf dem Cover einer Zeitschrift an, so ist es nicht verwunderlich, dass diese überzogenen und unrealistischen Vorbilder einer medialen Scheinwelt zur Verunsicherung des Selbstwertgefühls beitragen. Gerade junge Menschen orientieren sich stark an dem verbreitenden Schönheits- und Körperideal, welches sie im Fernsehen, in Zeitschriften und in der Werbung vorgelebt und vermittelt bekommen. 

Fasziniert von einem Film, der von zwei Highschoolmädchen handelte, die sich mit Essen vollstopften und danach übergaben, kam Sonja das erste Mal mit Bulimie in Kontakt. Sie war 13 Jahre, als sie den Film sah. „Die Mädchen waren schön, beliebt, hatten Dates“, schreibt sie in ihrem Buch. Auch wenn der Film kein gutes Ende nahm. „Endlich habe ich einen Weg gefundenwie ich nicht auf Essen verzichten muss, um schön zu sein“. Schon bald darauf fing sie an, es den beiden Mädchen nach zu machen und verlor schon bald ihre ersten Kilos. Nach drei Jahren hatte sich ihr Gewicht bereits halbiert.

„Eltern sind mit so einer Situation überfordert“, teilt Andreas Schnebel über seine Erfahrungen mit. „Für sie gibt es nichts schwierigeres, wenn ihr Kind krank ist“. Angehörigengespräche kommen in den behandelnden Kliniken zu kurz, da diese nicht finanziert werden. Aus diesem Grund bietet ANAD e.V. unter anderem Familienberatungen, sowie Eltern- und Geschwisterworkshops an.

Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind lang. Mit 16 Jahren zog sie in eine Wohngemeinschaft für essgestörte Mädchen, hatte Glück, dass sie Psychologinnen hatte, denen sie alles erzählen konnte. 13 Jahre lange Therapie folgten. Ambulant, stationär, im betreuten Wohnen und später wieder ambulant. „Ich hatte trotz meines unbedingten Willens, sehr, sehr, sehr viele Rückfälle“, schreibt Sonja. „An seinen Rückschlägen darf man nicht verzweiflen, denn das führt nur noch mehr dazu, dass wir uns hassen und betäuben und um jeden Preis anders sein wollen, als wir sind“.

In Deutschland leiden heutzutage immer mehr Mädchen und Jungen an Essstörungen. 0,5 Prozent der Frauen leiden an Anorexie, an Bulimie 1,5 Prozent. An Binge-eating leiden derzeit 2 Prozent der Frauen, dennoch sind diese Zahlen stark ansteigend.*

Die Männer stehen im Verhältnis von circa 1: 10.

Im Vergleich dazu ist auch zu erwähnen, dass 50 Prozent der Bevölkerung von Übergewicht betroffen sind.

 

Ausgekotzt – Ein Leben nach Missbrauch und Bulimie
In Deutschland leiden immer mehr Mädchen und Jungen in immer jüngeren Jahren an Essstörungen. Eine davon war Sonja Vukovic, sie litt dreizehn Jahre an Anorexie und Bulimie. Bis sie sich endlich traute, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Mit ihrer eigenen Geschichte offenbart die heute Einunddreißigjährige schonungslos die Schrecken einer Essstörung, die sie fast ihr Leben gekostet hätte.Sie schreibt so fesselnd, dass man als Leser geradezu süchtig danach wird, zu erfahren, wie ihre Geschichte weitergeht. Zwischen Scheitern und Sehnen, Verzweiflung und Erwartung bricht Vukovic Tabus, macht Betroffenen Hoffnung und legt den Finger in die Wunde der Gesellschaft, die dem Rausch huldigt, Süchtige aber verachtet. Den Leser lässt sie an sehr intimen Momenten teilhaben. Unter anderem an Therapie Gesprächen, ihre Fressattacken, Suizidgedanken und vieles mehr. Alles ohne irgendwelche Verschönerungen.
Die Autorenlesung und auch das lesen des Buches war an einigen Stellen sehr emotional und berührend, so dass mir die Tränen in den Augen standen. Es ist teilweise nur zu erahnen, wie es ihr ergangen sein muss.

Es ist sehr bewundernswert, wie sie sich durch ihre 13 Jahre Therapie durchgekämpft hat und kann es nur jedem empfehlen, der sich für das Thema Bulimie/ Magersucht interessiert. Für akut Betroffene würde ich das Buch nicht empfehlen, da es an vielen Stellen triggern kann. Des weiteren ein sehr schönes, rundes geschriebenes Buch, was nichts verherrlicht. Trotzdessen gibt es noch ein schönes Happy End.

*Auszug aus dem Buch

**hier variieren die Zahlen etwas ja nach Quelle; diese Zahlen sind der offiziellen S3-Leitlinie der AWMF entnommen

 Text // Mona Scharnowske

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