Dieses tiefblaue Meer

Ich ziehe den Vorhang zur Seite und blicke aus den großen Fenstern. Vor mir erstreckt sich das türkise Meer. Ich schlüpfe schnell in eine Badehose und gehe zum Pool. Meine Freunde warten dort bereits auf mich. „He, hast du dich gut erholt von gestern Nacht?“ fragt Mark. Ein paar Erinnerungsfetzen erscheinen vor meinem inneren Auge. „Es war legendär“, meine ich. „Das war es tatsächlich“, stimmt Paul mir zu. Wir sehen einander verschmitzt an. Ein Mädchen geht an uns vorüber und grüßt uns mit einem zuckersüßen Lächeln. Wir grüßen sie ebenfalls. „Die Matura muss eben gefeiert werden“, sagt Paul. „Eben, man macht sie nur einmal im Leben“, fügt Mark hinzu.

Mein Blick schweift umher. „Wir sind schon fünf Tage hier und waren noch nie am Strand. Das sollten wir nachholen.“ Meine Freunde nicken und wir nehmen unsere Handtücher. Bisher haben wir das Gelände des Hotels nicht verlassen. Wozu auch? Es gibt einen großen Pool, ein Fitnessstudio, eine Bar und eine Disco. Alles was man benötigte um Spaß zu haben. Drei Mädchen stürmen zu uns und fragen, ob sie mit uns kommen können. Meine Freunde grinsen erfreut. Diese Barbies sind wirklich traumhaft anzusehen. Auch ich lächle und nicke. Eine große Blondine hackt sich bei mir ein und beginnt ein bisschen Small Talk. Sie ist nett und klug, doch irgendetwas fehlt mir. Wir gehen zum Strand. Unsere Füße wirbeln den weißen Sand auf. Die Sonne brennt auf unserer Haut. Im Hintergrund rauscht das türkise Meer. Der Himmel ist wolkenlos. Mein Blick gleitet an dem makellosen Körper der Blondine hinab. Wir legen uns unter einen großen Schirm aus Stroh und genießen diese traumhafte Umgebung. Unsere Gespräche drehen sich um Work-outs, Urlaube, Partys und Sport.

Nach einer gewissen Zeit wird mir jedoch langweilig und ich gehe zur Strandbar um uns Cocktails zu holen. Als ich bei der Bar stehe ist jedoch kein Barkeeper zu finden. Die Musik dröhnt in meinen Ohren. An den Tischen sitzen Menschengruppen aus verschiedenen Kulturen. Ich bin fasziniert von der Vielfalt an diesem Urlaubsort. „Wie kann ich Dir helfen?“ Ich drehe mich um und sehe eine kleine, gebräunte Frau vor mir. Ihre schwarzen Locken fallen ihr über die Schultern und ihre großen, braunen Augen sehen ihn wach an. „Ich…Ich hätte gerne ein…eine Erdbeermargarita. Nein, eine Erdbeermargarita und einen Old Fashioned, bitte.“ „Sehr gerne.“ Sie schmunzelt und dreht sich um. Geschickt mixt sie die Getränke und stellt es vor mir ab. Ich lasse sie dabei nicht aus den Augen. Ich bedanke mich und sie lächelt mich erneut an. Plötzlich erscheint die Blondine neben mir und nimmt sich den Drink. Mit einem koketten Schmunzeln bedankt sie sich bei mit und geht wieder zu unserem Platz. Ich wende mich wieder der brünetten Schönheit zu und lächle sie beschämt an.

© Edenwithin, Pakhnyushchyy – fotolia.de

„Ist sie deine Freundin?“ Schnell schüttle ich den Kopf und antworte: „Nein…. nein, ich habe sie heute erst kennengelernt.“ „Sie scheint nett, ein bisschen einfältig, aber nett.“ „Ich hätte sie nicht besser beschreiben können.“ Wir grinsen einander an. „Woher kommst du?“ „Ich bin aus Österreich. Du bist hier zuhause?“ „Nein, ich studiere in den USA auf einer Schauspielakademie, doch dieses Land ist meine Heimat. Vor zwei Jahren bin ich weggezogen. Derzeit lebe ich bei meinen Eltern. So spare ich mir die Miete und werde für diese leichte Arbeit bezahlt. Allerdings bleibe ich auch nicht den gesamten Sommer hier. In zwei Wochen gehe ich nach England und spiele dort bei einem Theaterstück mit.“ „Dann wirst du eines Tages ein Star sein.“ Sie lachte. „Das will ich hoffen. Was willst du mit deinem Leben anfangen?“ „Ich werde nach diesen Ferien mit meinem Physikstudium beginnen. Es ist mein größter Traum ein anerkannter Wissenschaftler zu werden.“ „Das klingt interessant. Wieso ausgerechnet Physik?“ Ich zögere. „Das weiß ich nicht. Ich finde das Gebiet einfach faszinierend und kann mir nichts Schöneres vorstellen, als jeden Tag meines Lebens mit dieser Forschung zu verbringen.“ Wir sehen einander tief in die Augen. „Ich glaube, dass dein Mädchen dich schon vermisst.“ Ich drehe mich um und sehe sie alleine unter dem Schirm sitzen und in meine Richtung starren. „Sie kann warten.“ Sie lächelt mich an und hebt den Krug. „Darf ich nachschenken“, fragt sie. Ich nicke und reiche ihr mein Glas. Bis zum Abend unterhalten wir uns über unsere Träume, philosophieren und betrinken uns. Ich kann mich nicht erinnern jemals eine so faszinierende Frau kennengelernt zu haben. Die Blondine ist verschwunden, als ich wieder zu meinen Freunden gehe. Mit ihr sind auch die zwei anderen Mädchen gegangen. Mark und Paul sehen mich wütend an. „Wie konntest du uns nur so hängen lassen“ meint Paul. „Als ihre Freundin ihnen erzählt hat, dass du mit einer anderen flirtest sind sie alle gegangen“, schimpfe Mark. „Es tut mir leid“, meine ich. „Hast wenigstens ein Date für heute Abend?“ fragt Paul. „Ja, das habe ich“, antworte ich grinsend. „Gut, ich habe Hunger. Gehen wir essen?“ „Gerne, wir haben für heute Abend wieder diese Bar als Treffpunkt ausgemacht.“ „Dann lasst uns gehen.“

Drei Stunden später verlasse ich wieder das Hotelgelände und gehe über den Strand. Eine rote Rose halte ich in meiner Hand. Als ich bei der Bar ankomme sehe ich die Schönheit wieder hinter der Bar stehen. Sie winkt mir, als sie mich sieht und ich überreiche ihr die schöne Blume. Sie bedankt sich und fragt mich: „Kann ich dir ein Getränk anbieten?“ „Ja, ich nehme das Übliche.“ Während sie den Drink macht, meint sie: „Ich muss nur noch bis zwölf Uhr arbeiten, dann können wir feiern gehen.“ Ich lächle. „Das ist kein Problem. Wir beginnen schon hier mit der Party.“ Ein Glas nach dem Anderen wird geleert und so vergehen die Stunden bis wir zusammen schwankend die Bar verlassen. „Lass uns schwimmen gehen“, meint sie. Ich zögere nicht. Sogleich hebe ich sie auf und wate mit ihr in die Wellen des türkisenen Meeres. Die gesamte Nacht verbringen wir am Strand.

Am nächsten Morgen erwache ich in meinem Hotelzimmer. Ich ziehe den Vorhang zur Seite und blicke aus den großen Fenstern. Vor mir erstreckt sich das tiefblaue Meer. Ich schlüpfe schnell in eine Badehose und gehe zu der Strandbar. Doch dieses Mal ist eine andere Barkeeperin dort. Ich frage sie nach der Frau, mit der ich gestern so viel Spaß hatte. Sie weiß nicht von wem ich spreche.

 

Text // Christina Vettorazzi

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